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Medien & Recht / Law and Order


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Law and Order - Wie würden Sie entscheiden?

Ein Fall von fehlendem Nein und scheinbarem Ja als Vergewaltigung

Ein Beitrag von Andrea Schütze aus München, 05.11.2017

Ich sehe die Serie Law & Order eigentlich sehr gern. Doch letzten Freitag hatte ich in einer Folge dieser Serie ein echtes Problem damit der dort getroffenen Urteilsfindung zustimmen zu können.

Es ging hier um folgenden Sachverhalt:
Täter und Opfer sind beide sehr jung, beide Anfang 20.
Der spätere Täter ist ein netter Typ, guter Sohn und steht durch viel Fleiß vor einer möglichen Karriere. Es ist keine Scheinwelt, sondern er ist wirklich positiv zu bewerten.
Das Opfer ist ein junges Mädchen, das sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und hier entsprechenden Liebeskummer hegt und aus verletzten Gefühlen heraus auch eine gewisse Rache gegenüber dem Ex fühlt.
Beide gehen zu einer Partie, wo viel Alkohol fließt und auch Drogen konsumiert werden und beide sind zueinander auch nicht ganz unverbunden, weil die Cousine, die das Mädchen mit auf die Party schleppt, ist die ehemalige Freundin des späteren sogenannten Täters.

Die junge Frau und der junge Mann treffen aufeinander und fühlen sich auch voneinander angezogen. Dabei geht - wie auch der Barmann später bestätigt - allerdings die Initiative eindeutig von der Frau aus, die den jungen Mann angräbt, anflirtet und anmacht, auch weil sie sich hier irgendwie - wie sie selbst später zugibt - an ihrem Ex-Freund rächen möchte und es ihm heimzahlen will, indem nun sie fremdginge.
Die Cousine und Ex-Freundin des jungen Mannes, die sich mit ihm nicht im Guten getrennt hatte, wird später genau das Gegenteil aussagen, obwohl das mit keiner der beiden Aussagen (Opfer, Barmann) in Einklang zu bringen ist und ihre Glaubwürdigkeit durch ihren erkennbaren und unverhohlenen Frust gegen den Ex = Täter äußerst fragwürdig erscheint.

Zuerst geht der junge Mann trotz seines Interesses nicht auf das Werben ein und sie trennen sich wieder im weiteren Verlauf der Party. Alkohol fließt. Er ist leicht angetrunken, sie hat sich zwischenzeitlich total betrunken und ruft auch im Vollrausch ihre Cousine auf dem Handy an, die irgendwo anders ist. Diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter wird auch später zu hören sein und man merkt dabei wie betrunken die junge Frau in diesem Zustand war.

Als der junge Mann auf die Toilette gehen will, trifft er dort mit der zugetrunkenen jungen Frau zusammen, die ihn erneut anmacht und dazu einlädt doch mit ihm rauszugehen. Dieser Vorgang wird auch vom Barmann beobachtet, der angibt, das spätere Opfer habe den sogenannten Täter regelrecht rausgezogen.

Draußen nimmt dann die Sache ihren weiteren Verlauf. Sie küssen sich und werden intimer und auch der Saußerstoff tut seine Wirkung, denn sie fallen angetrunken und betrunken in einen Haufen Müllsäcke und (durch Alkohol + Frischluft) sie verliert dabei die Besinnung. Er macht weiter und es kommt zum Geschlechtsakt.
Diesen wiederum beobachtet ein Passant im Park, der darin eine Vergewaltigung wähnt, auf den jungen Mann zustürmt und ihn wegreißt, weil er meint hier einen Überfall zu beobachten und holt die Polizei. Die Aussage dieses Passanten wird entscheidend für den gesamten Fall.

Als die Polizei dort später eintrifft liegt das Opfer immer noch volltrunken und besinnungslos am Boden und wird auch so von der Spurensicherung fotografiert. Später im Krankenhaus kann sie sich an nichts mehr erinnern, hat durch den Alkohol einen totalen Filmriss erhalten, erklärt aber, sie hätte sich nie auf eine sexuelle Beziehung mit dem festgenommenen jungen Mann eingelassen bzw. einlassen wollen und hier auch nie eine Zustimmung erklärt, weil sie sei zwar von ihrem Freund getrennt, aber würde immer noch an ihm hängen und wäre daher nie mit so etwas einverstanden gewesen.

Die Geschichte nahm dann einige dramatische Wendungen, die ich hier weglasse, weil sie nicht zum Sachverhalt beitragen, aber schließlich wurde der junge Mann - und auch das nur, weil das Opfer keine öffentliche Verhandlung wollte und sich daher zu einem Deal bereit erklärte - zwar nicht wegen Vergewaltigung, aber schwerer sexueller Nötigung zu 24 Monaten Gefängnis verurteilt. Er war damit als Sexualstraftäter in einem Register vermerkt und seine Karriere auf ewig ruiniert, obwohl er selbst immer beteuerte, dass er sie nie hätte vergewaltigen wollen, aber sehr verknallt in sie gewesen sei, weil sie ein sehr hübsches Mädchen war.

Mich hat dieser Fall beim Zusehen und auch danach schon sehr beschäftigt und daher schreibe ich hier auch darüber, weil das in meinen Augen irgendwie nicht gerecht verlaufen ist, ohne hier die richtige Entscheidung liefern zu können. Aber es ist ein gutes Beispiel dafür, dass Recht nicht mit Gerechtigkeit im Einklang steht oder stehen kann, und dass manchmal die Täterfrage zu ungerecht verläuft bzw. nicht immer gerecht gelöst werden kann.

Ich habe die Überschrift zu diesem Beitrag deshalb mit Wie würden Sie entscheiden? bezeichnet, weil ich hier - als anderes Extrem - an einen Fall erinnern möchte, den ich vor sehr vielen Jahren in der gleichnamigen Sendung gesehen hatte (seinerzeit im ZDF von Herrn Töpperwien moderiert und von Prof. Claus Roxin kommentiert) und den ich nach der damaligen Rechtslage als extrem ungerecht empfand:

In damaligen Fall war die Konstellation folgende, die hier kurz erzählt werden kann:
Eine Frau wird im Park von einem Mann überfallen. Er droht ihr damit sie zu erstechen, wenn sie sich wehren sollte. Sie wehrt sich aus Angst daher nicht, wird vergewaltigt ohne Gegenwehr und obwohl der Täter gefasst werden kann, geschieht ihm nichts, weil es nach damaligem Recht keine Vergewaltigung war, da diese damals eine Gegenwehr erfordert hatte. Genauso konnte damals ein Orgasmus des Opfers - selbst dann wenn er durch Manipulation des Täters herbeigeführt worden war - zu einer Verschonung des Täters vor dem Vorwurf der Vergewaltigung führen.
Also man muss nicht unbedingt besonders empfindsam sein und auch nicht juristisch ausgebildet, um so eine Rechtslage als himmelschreiendes Unrecht zu empfinden. Mir ist dieser Fall daher aus diesem Grund in Erinnerung geblieben. Dass dies geändert wurde, ist daher nur mehr als Recht.
Es ist auch in Ordnung eine Vergewaltigung anzunehmen, wenn das Opfer mittendrin auf einmal Nein sagt und der Täter dann trotzdem weitermachen sollte - unabhängig davon, ob er zuvor vom Opfer sexuell provoziert worden war, oder nicht, weil ein Nein ist ein Nein, unabhängig davon wie man den Sachverhalt in seiner Gänze moralisch bewerten mag.
In diesem Punkt könnte ich dem Staatsanwalt von Law and Order auch zustimmen, der dies den Reportern auf der Treppe zum Gerichtsgebäude als Interview zurück gab:
Ein Nein ist und bleibt ein Nein!

Der vorliegende Fall von Law and Order behandelt aber eine ganz andere Konstellation, nämlich die, dass die Initiative zur Intimität vom Opfer ausging, also der Täter grundsätzlich von einer intimen und womöglich auch sexuellen Bereitschaft ausgehen durfte. Alles andere wäre und ist lebensfern und wir sollten uns auch nicht künstlich moralisch ins wilhelminisch-viktorianische Zeitalter zurückversetzen, wenn wir solche Fälle betrachten.
Das ist heutige Realität und im Angesicht der Schwere so eines Vorwurfes ist das auch eine zu wahrende Gerechtigkeit gegenüber als Tätern Angeschuldigten.
Der Täter durfte also vom gesamten äußeren Ablauf her davon ausgehen, dass das Opfer an ihm auch sexuell interessiert ist und zur Vornahme von sexuellen Handlungen grundsätzlich bereit ist. Das hat der sogenannte Täter auch immer wieder beteuert.
Das Problem an diesem Fall liegt darin, dass das Opfer zwischendrin, also im weiteren Verlauf der sexuellen Handlungen und Anbahnungen die Besinnung verloren hatte, was der Täter weder verschuldet hatte (keine K.O.-Tropfen, kein Betrunkenmachen des Opfers, sondern allein unbeherrschter und übermäßiger Alkoholgenuss des Opfers), noch beim gemeinsamen Liegen in den Mülltüten mitbekam, oder explizit auszunutzen gesucht hatte, sondern stattdessen selbst angetrunken war und sexuell erregt (worden) war.
Also die von Dritten an den Tag gelegte Neutralität und Objektivität in der Wahrnehmung und im Beobachten war hier für den Täter nicht mehr gegeben. Der Täter will es nicht mitbekommen haben und so wie die Unschuldsvermutung für jeden gilt, so gilt sie auch für ihn, was heißt, man muss es ihm glauben.
Und selbst die Zuschauer, die objektiven Dritten, hätten nach der Vorstellung des Sachverhaltes darin auch nichts anderes annehmen können.

Es kam zum Geschlechtsakt ohne das ausdrückliche Einverständnis des Opfers, das zuvor alles an den Tag gelegt hat, das aus der Sicht des objektiven Betrachters und auch des Zuschauers, dazu geeignet war, als Wahrnehmung ein sexuelles Interesse am Täter und eine entsprechende Bereitschaft beim Opfer anzunehmen.
Der Täter machte also weiter, was begonnen war, erhielt kein ausdrückliches O.K. des Opfers, aber auch kein ausdrückliches oder sonstiges Nein, und auch die gesamten Umstände des Ablaufes im Vorfeld bis zur Ohnmacht hätten nicht ein Nein erahnen lassen. - Zum Nein wurde es erst durch die Aussage des Opfers im Krankenhaus und im ausgenüchterten Zustand, dass sie mit so etwas nie einverstanden gewesen wäre.
Das heißt erst die nachträgliche Aussage des Opfers machte den Vorgang zur Straftat und den jungen Mann zum Täter, nicht aber das was er annahm und was jeder Dritte, der die Verhältnisse im Vorfeld mitbekommen hatte, hätte annehmen können.

Mich hat diese Konstellation sehr beschäftigt, weil einerseits tut mir natürlich das Mädel leid, weil niemand soll - in welchem Bewusstseinszustand auch immer - so etwas erleben müssen.
Aber umgekehrt wurde jemand allein aufgrund der Rechtslage zum Täter, hatte aber nach den Lebensrealitäten nie die Möglichkeit gehabt sich gegen eine Täterschaft zu entscheiden, denn um das tun zu können, hätte er ansonsten in jedem Moment der Intimität nachfragen müssen, ob die Geliebte noch bei Bewusstsein ist oder nur so die Augen schließt, und ob sie es auch ganz sicher will oder nicht vielleicht doch anders usw.
Das wäre nach der Rechtlsage nötig.
Wenn man sich das vorstellt, dann erkennt man jedoch wie lebensfern die Situation ist.

Dieser Fall ist schon schlimm, aber wenn es soweit kommen soll, dass noch nicht einmal mehr ein Spurennachweis erforderlich sein soll und die reine Behauptung reichen soll, dann sind dieser und anderen Ungerechtigkeiten Tür und Tor geöffnet, denn genauso wie der seinerzeit von Professor Roxin und von Herrn Töpperwien moderierte Fall ein Unrecht der Rechtslage vorgestellt hat, so war nun dieser Fall in Law and Order der umgekehrte Fall, wo gut gemeinte und sicher auch zurecht zugunsten der Opfer erleichterte Rechtslagen gleichfalls geeignet sind, Konstellationen zu erzeugen, die mindestens nicht gerecht verlaufen.

Mich hatte dieser Fall - wie ich schon sagte - ziemlich beschäftigt und in seiner harten Konsequenz auch erschreckt. Denn dieser Fall ist nicht lebensfern, sondern nahezu tägliche reale Gefahr für jeden jungen Menschen, der sich auf Parties begibt.
Ich bin mir nicht sicher, ob parallel zur Rechtsentwicklung auch entsprechend in unserem Erziehungssystem und Bildungssystem nachgearbeitet wird und zwar nicht nur dahingehend, dass ein Nein ein Nein heißt, sondern dass man auch ohne ein Nein und mit scheinbarem Ja zum Täter werden kann und sich damit alle Zukunft verhaut, weil die einem jungen Mann wie jenem im Fall von Law and Order mit einer blöden Party-Situation das ganze restliche Leben ruinieren kann, ohne dass hier jemals eine echte Täterschaft mit bösem Wollen vorgelegen hätte, wie wir uns Vergewaltigung regelmäßig vorstellen und was zurecht und zum Schutz dieser Opfer auch für eine entsprechende Rechtslage gesorgt hat.

Das war und ist wirklich ein Fall zum Nachdenken!

Andrea Schütze
München, 5. November 2017

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